Beschreibung des Modells des Dampfwagens von De Dion und Bouton aus dem Jahr 1883

Es ist müßig darüber zu diskutieren, wer das erste Automobil gebaut haben könnte. Der Zeitpunkt ist davon abhängig, was man unter einem Automobil verstehen will. In der technikgeschichtlichen Phase zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in der die ersten kleineren Selbstfahrer gebaut worden sind, hatte auch niemand eine Funktion „gedacht“, die ein „Automobil“ erfüllen könnte. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurden diese Selbstfahrer zur Repräsentation der fortschrittlichen Einstellung des Besitzers, der elitären Fortbewegung ohne Pferdekraft und dem reinen Vergnügen an einer flotten Fahrt gebaut. Der Dampfwagen von De Dion und Bouton macht da keine Ausnahme. Die Kerneigenschaften eines modernen Automobils sind dessen individuelle Nutzbarkeit und das es von einer Person kontinuierlich längere Zeit in Betrieb gehalten werden kann. Das letzte Merkmal wurde am Anfang der Entwicklung von keinem Selbstfahrer erfüllt. Das technikgeschichtlich Interessante an dem Fahrzeug von De Dion und Bouton ist, dass es eines der ersten modernen Automobile war, und zwar eines mit Dampfantrieb. Das neue an dem Fahrzeug war die Anordnung der wesentlichen Baugruppen zueinander und ein innovatives Bedienkonzept. Alle Elemente zur Bedienung, einschließlich der Kesselfeuerung, lagen im unmittelbaren Handhabungsbereich des Fahrers.

Das Unternehmen De Dion und Bouton ist aus einfachsten Verhältnissen gewachsen. Am Anfang war es nur eine einfache Werkstatt in Paris. 1885 eröffnete man eine kleine Fabrik in Puteaux. Es wurden unterschiedliche Dampfwagen hergestellt, später auch Wagen mit Benzinmotoren. Die Fertigungsstätten wurden laufend erweitert. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts war De Dion und Bouton der größte Hersteller von Automobilen in Europa. Die Dampfwagen von De Dion und Bouton besaßen u.a. ein charakteristisches Merkmal: einen rasch aufheizbaren, relativ leichten Wasserrohrkessel, ein Patent des Herstellers.

Von dem Dampfwagen aus dem Jahre 1883 sind vermutlich zwei Exemplare gebaut worden. In zeitgenössischen Fotografien sind zwei leicht unterschiedliche Fahrzeuge abgebildet. Ein Wagen ist nachweislich in Paris gefahren. Jede Fahrt war damals eine Sensation. Die Gazetten berichteten ausführlich über jede Fahrt. Dieses Fahrzeug war Basis der Modellkonstruktion. Die Informationssituation zu dem Modell war in einigen Aspekten unvollständig. Es gibt zwar eine recht gut Beschreibung mit einigen technischen Angaben in einer französischen Zeitschrift aus dem Jahr 1884, aber wesentliche Maße, die für den Bau des Modells zwingend notwendig waren, fehlten. Anhand der verfügbaren Fotografien und Stiche wurde daher eine ergänzende geometrische Rekonstruktion durchgeführt. Die technischen Daten des Wagens sind auch heute noch beachtlich. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei etwa 40 km/h! Das Leergewicht betrug nur sensationelle 470 kg!! Die wichtigsten Modelldaten sind:

Modelldaten

Modellmaßstab:                                 1 : 6

Modellaufbau:                                   modular, bestehend aus 7 Baugruppen

Größe des Modells:                           Länge 420 mm, Breite 290 mm, Höhe 380 mm

Gewicht:                                             ca. 90 N

Kessel:                                               Rauchrohrkessel, Inhalt ca. 0,35 Liter

Feuerung:                                           Gasfeuerung mit Flächenbrenner

Antrieb:                                               oszillierende Zweizylindermaschine mit Umsteuerventil

Lenkung:                                             mit Lenkstock, Hinterräder gelenkt

Konstruktionspläne

Von diesem Modell existieren Bau- und Konstruktionspläne 

Buchreihe Dampf: Bd. 40 Inklusive Modellpläne Zum Bau- und Konstruktionsplan.

Modellnachbauten:

Es ist eine große Freude zu sehen, wie versierte Modellbauer aus den Vorlagen und Konstruktionsplänen fahrtüchtige Dampf-Selbstfahrer werden. Mir bekannt sind zwei fahrtüchtige Nachbauten

Das Modell des Dampfwagens vom Modellbauer Wilfried Heckert, Berlin

 
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Bemerkung: Das Modell ist mit einer Fernsteuerung ausgestattet worden.

Hinweis: Verwendung der Fotos und des Videos mit freundlicher Erlaubnis von Herrn  Heckert.


Das Video zur Jungfernfahrt

 


Beispiel eines Nachbaus im Maßstab 1 : 2 von John & Elly van de Riet aus den Niederlanden

Die nachfolgenden Bilder zeigen einen originalgetreuen Nachbau des Dampfwagens von De Dion und Bouton im Maßstab 1 : 2. Der Maßstab des Großmodells ist so gewählt, das eine Person auf dem Fahrersitz Platz nehmen kann um die entsprechenden Bedienungen während der Fahrt durchzuführen. Der Wagen wurde von John & Elly van de Riet aus den Niederlanden gebaut. Das schöne Modell wurde u.a. beim 11. Märkischen Dampfspektakel am 8. und 9. Mai 2010 im Ziegeleipark in Mildenberg in Funktion gezeigt. Beim Nachbau fehlt zu diesem Zeitpunkt noch die passende Dampfmaschine. Zum Fahren wurde aushilfsweise ein kleiner Elektromotor verwendet.